Martha

„Sie sind doch aber eine erwachsene Frau. – Das bin ich nicht!“

„Sie sind doch aber eine erwachsene Frau. – Das bin ich nicht!“ – Die unsichere, und eben gar nicht so erwachsene Martha macht mit ihrem Vater Urlaub in Italien – Mit Mitte dreißig ist sie noch Jungfrau, unverheiratet und ziemlich unselbständig. Mit dem plötzlichen Tod des Vaters auf der Spanischen Treppe bricht für sie eine Welt zusammen. Auf dem Weg in die deutsche Botschaft, in der sie die Formalitäten zum Tod des Vaters erledigen muss, begegnet Sie einem schönen Unbekannten, den sie – zurück in Deutschland – auf einer Hochzeitsfeier wieder trifft. Sie erliegt schnell der Anziehungskraft des dominanten Mannes und heiratet ihn kurze Zeit später – doch schon bald nach der Heirat beginnt der Ehemann Martha zu „erziehen“. Er isoliert sie mehr und mehr und bekommt zusehends sadistische Züge. In einer einer ziemlich heftigen Szene z.B. lässt er seine Frau sprichwörtlich in der Sonne schmoren, sodass sie sich einen ausgewachsenen Sonnenbrand zuzieht. Doch damit nicht genug…

In seiner modernen Version von „Effi Briest“ (1) seziert Fassbinder eine Ehe und die Beziehung zwischen Mann und Frau im Allgemeinen. Er beschreibt die Macht „des Mannes über die Frau“ und die selbstgewählte Abhängigkeit und Unselbständigkeit in die sie sich begibt. Fassbinder dazu: „Wenn Martha am Schluss des Films nicht mehr alleine lebensfähig ist, dann hat sie das erreicht, was sie eigentlich wollte… Die meisten Männer können nur nicht so perfekt unterdrücken wie die Frauen es gerne hätten.“ (2) (weiterlesen…)

Add comment | Filme | Daniel,   Mo 9 Apr 2012
Ich will doch nur dass...

Ich will doch nur dass ihr mich liebt

„Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“ – bereits der Titel von Rainer Werner Fassbinders Fernsehfilm aus dem Jahre 1976 gibt die Intention und den Hintergrund vor: Der 24-jährige Peter bekommt von seinen Eltern die wichtigen Werte im Leben vermittelt – und die beschränken sich bei ihnen auf die simple Formel „haste was, dann biste was“. Survival of the fittest – Zuneigung und Wärme haben hier keinen Platz. In seiner Freizeit – nach der Arbeit und an Wochenenden – baut der gelernte Maurer eigenhändig ein Haus für seine Eltern. Er will sich sprichwörtlich Ihre Liebe erarbeiten. Als er von dieser Arbeit eines Abends abgeschafft in die väterliche Wirtschaft kommt, sind die einzigen kalten Worte der Mutter jedoch: „Wieso hast du dir nicht die Fingernägel gesäubert?“ Auch als Peter – getrieben davon die hochgesteckten Erwartungen der Eltern zu erfüllen – überstürzt heiratet und verkündet nach München zu ziehen, reagieren die Eltern nicht nur primäre, sondern einzig mit Erleichterung. Erleichterung ob der finanziellen Bürde, die von ihnen genommen ist. In München angekommen findet Peter schnell einen Job und eine Wohnung – und scheint sich nicht bewusst, dass auch das Leben hier kein leichtes sein wird. Trotz der finanziell angespannten Situation will er das Leben führen, das ihm die Gesellschaft vorlebt: Schmuck für die Frau, Sekt statt Selters und kostspielige Geburtstagsgeschenke, die er sich eigentlich nicht leisten kann. Die hilflosen Anstrengungen, sich die Liebe seiner Umwelt zu erkaufen führen schnell in einen tödlichen Abwärtsstrudel aus erdrückenden Schulden, falschen Hoffnungen und Zwängen…

Rainer Werner Fassbinder hat einmal gesagt, dass im Film fürs Fernsehen einfacher erzählt werden muss als im Kino. In „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“ hat er das nicht wirklich befolgt. Sowohl in der durch Rückblenden durchbrochenen Struktur, als auch in der Grundthematik des Films. Harter Tobak ist das und – auch über 35 Jahre später – noch immer top-aktuell. Vielleicht sogar aktueller denn je, in einer Leistungsgesellschaft, in der Burn-out zur Standard-Krankheit gehört und schon Schulkinder mit Medikamenten fit gemacht werden, um im Konkurrenzkampf zu bestehen.
Die Geschichte selbst basiert auf Tonbandaufnahmen „Lebenslänglich – Protokolle aus der Haft“ von Klaus Antes und Christiane Ehrhardt, haben also einen realen Hintergrund. Trotz der akustischen Vorlage ist die filmische Umsetzung visuell äußerst gelungen. Mithilfe Michael Ballhaus’ Kamera findet Fassbinder klare und doch eindringliche Bilder, bei deren Symbolkraft ich mich manchmal an Hitchcock erinnert gefühlt habe (zB Andeutung des Gefängnisses). Dazu hat der Film mit Vitus Zeplichal einen sympathischen Hauptdarsteller, der die Naivität und hilflosen Bemühungen Peters glaubwürdig darstellt. Nach „Welt am Draht“ ist „Ich will doch nur…“ erst mein zweiter Fassbinder, den ich gesehen habe. Doch ich bin wieder mal begeistert. Es ist für mich an der Zeit mehr von Fassbinder zu entdecken.

Add comment | Filme | Daniel,   Sa 7 Apr 2012
The Tree of Life

„The only way to be happy is to love. Unless you love, your life will flash by.“

Ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen. – Terrence Malick betrachtet in seinem gefeierten Spätwerk „Tree of Life“ (Cannes 2011, bester Film) diese drei biblischen Ziele im Leben eines Mannes. Er lässt dabei Brad Pitt in der Rolle des Vaters und Sean Penn in der Rolle des erwachsenen Sohns Jack nach dem Ursprung und dem Sinn des Lebens suchen…

Jack wächst in den 60er Jahren im Südwesten der USA als ältester von drei Brüdern auf. Er bekommt dabei von seinen beiden Elternteilen unterschiedliche Wertvorstellungen vermittelt. Die Mutter steht für die kompromisslose, allumfassende und bedingungslose Liebe („Help each other. Love everyone. Every leaf. Every ray of light. Forgive.“). Der Vater für Strenge, Härte und Erfolg („If you want to succeed, you can’t be too good!“). Und so schwankt seine Kindheit zwischen kindlicher Unbeschwertheit beim Spielen mit seinen Brüdern, sowie dem Herumalbern mit der Mutter und dem Arbeiten und Gehorchen gegenüber dem Vater. Immer im Widerstreit zwischen diesen beiden Idealen entdecken die Brüder ihre Kindheit und das Leben.

Malick findet für seine Botschaft zugegebenermaßen wunderschöne Bilder, die mal an alter Meister, mal an 50er Jahre Kitsch erinnern. Er unterlegt die Einstellungen musikalisch mit einem Ritt quer durch die Evergreens der Klassik. Doch hinter all dieser vordergründigen Schönheit finde ich nichts als religiöse, spirituelle Verquastheit und – ganz allgemein – pathetische, inhaltliche Leere. So wird aus der interessanten Idee, aus den traumgleichen Erinnerungsfetzen prätentiöses Geschwurbel.
Die DVD habe ich postwendend zwischen Koyaanisqatsi und „Die Passion Christi“ einsortiert. (dramaturgischer Kunstgriff: Ich besitze weder die DVD von „Die Passion Christi“, noch die von „Tree of Life“.) So, und jetzt lege ich erstmal Smetanas Moldau auf den Plattenspieler und schmökere ein wenig in der Bibel (siehe oben).

Add comment | Filme | Daniel,   Fr 30 Mrz 2012
Barney's Version

„Have I ever given up when it comes to you?“

Barney ist ein ziemliches Arschloch. Ein komischer Kauz. Ein lieber Kerl. – Und „Barney’s Version“ ist die Geschichte seines Lebens. Mit autobiographischer Struktur und in Rückblenden erzählt Barney von den „vielen Höhen und den – etwas zu vielen – Tiefen seines langen und bunten Lebens.“

Ein Zufallsgriff ins DVD-Regal und ein Glücksgriff zugleich: Der mit Dustin Hoffman prominent besetzte Film ist, wie der Werbespruch auf dem Cover anpreist, tatsächlich eine „hinreissende Tragikomödie über das Leben und die Liebe.“ Der namengebende Anti-Held (grandios gespielt von Paul Giamatti) taumelt durchs Leben und von einer Ehe in die nächste. Während sich seine erste Ehefrau das Leben nimmt, lernt er seine große Liebe bereits auf seiner zweiten Hochzeit kennen. Und so ist auch die zweite Ehe nicht von Dauer…
Regisseur Richard J. Lewis verfilmt (und das merke ich erst bei den Credits, als die Widmung über die Leinwand flimmert) mit „Barney’s Version“ den gleichnamigen Roman von Mordecai Richler und schafft dabei spielerisch den Spagat zwischen Tragik und und Witz. Mit Leichtigkeit lässt er seinen Protagonisten von einem Tief ins nächste fallen und ihn dabei aussehen, als wäre danach doch alles besser als zuvor. Zumindest eine Zeit lang…

Verdammt lustig und verdammt traurig – die über zwei Stunden Laufzeit vergehen hier wie im Flug, und irgendwie habe ich dabei den Mistkerl Barney in mein Herz geschlossen: Eigentlich kein Fan von Happy Ends, hätte ich mir für diesen Film und für diese Charaktere dann doch ausnahmsweise mal eines gewünscht.

Add comment | Filme | Daniel,   Sa 25 Feb 2012

„Steak tartar? Ah, yes. Steak tartar.“

Vier Freunde werden zu einer privaten Mitternachtsführung im neu eröffneten Wachsfiguren-Kabinett eingeladen. Die dort ausgestellten Figuren bekannter Film-Monster und notorischer Schlachter a la Jack the Ripper entpuppen sich als recht lebendig – und so wird von den Freunden einer nach dem anderen in die Szenerien gesogen und muss sich gegen die dort „lebenden“ Figuren zur Wehr setzen…

Anthony Hickox kreiert mit seinem Erstlingswerk aus dem Jahre 1988 eine nette kleine Horror-Komödie, die gekonnte den Spagat zwischen eben diesen beiden Genre vollzieht. Dabei ist der Film in einzelne „Episoden“ aufgeteilt, die die jeweilige typische Atmosphäre der darin agierenden (hauptsächlich) Universal-Monster ziemlich gut einfängt. So bekommen wir den Wolfman, Dracula oder die Mumie zu sehen. Neben der allgegenwärtigen Komik hat der Film dabei mit einigen expliziten Gore-Effekten aufzuwarten. Lange vor Scream also ein gelungener selbst-referenzierender Horror-Flick und eine wundervolle Hommage an die alten Grusel- und Horror-Streifen.

Add comment | Filme | Daniel,   So 8 Jan 2012